KI, NGO, Automatisierung, Digitale Souveränität, Open Source

Vergesst Prognosen. Ihr habt 18 Monate.

Vergesst Prognosen. Ihr habt 18 Monate.

Bild: KI generiert

Eine spannende KI‑Ankündigung der letzten Tage kam nicht von OpenAI, Anthropic oder Google. Sie kam von Mustafa Suleyman, KI‑Chef von Microsoft [1]. Seine Aussage ist klar: In den nächsten 12 bis 18 Monaten werden viele Aufgaben in typischen Büroberufen von KI automatisiert [1]. Er nennt konkret Rollen, die auch in eurer NGO vorkommen: Projektmanager*innen, Buchhalter*innen, Kommunikationsfachleute [1].

Was für manche noch wie Zukunftsmusik klingt, ist für einige schon Realität. Projekte wie OpenClaw zeigen, dass KI‑Agenten selbst auf kleinen Geräten (z. B. einem Raspberry Pi) viele digitale Tätigkeiten übernehmen können, für die sie autorisiert wurden. Dadurch werden vermeintlich komplexe Aufgaben über einfache Sprachsteuerung oder Mobile‑Interfaces ausführbar — ob am Arbeitsplatz, im Fitnessstudio, beim Familientreffen oder zu Hause. Mustafa spricht von einem erwarteten „Leistungsniveau, das dem eines Menschen entspricht" [1]. 18 Monate sind kein langer Zeitraum für umfassende Diskussionen — es geht darum, jetzt Impulse zu setzen, um unabhängiger zu werden und eigene Probleme mit neuen Technologien schnell zu lösen.

Big Tech lobbyiert für Zeit – und eigene Lösungen

Die Strategie ist durchschaubar. Während Tech‑Konzerne öffentlich über KI‑Risiken sprechen, läuft hinter den Kulissen ein anderes Spiel: Lobbying, das darauf abzielt, klare Regeln zu verzögern oder zu verwässern [2]. Ein Bericht von Corporate Europe Observatory zeigt das Ausmaß: 83 Prozent der Lobbygespräche zum geplanten Digital Fairness Act der EU führten Vertreter der Digitalindustrie; NGOs waren mit weniger als 14 Prozent vertreten [2][3].

Ziel: Erst den Markt mit eigenen, teuren Lösungen dominieren, dann über Regulierung reden. Firmen wie Meta und Google finanzieren dabei teils vorgeschobene Verbraucherorganisationen, die gegen strengen Verbraucherschutz arbeiten [2]. Das verschafft Zeit, um Produkte als Standard zu etablieren.

Für euch heißt das: Wenn ihr auf „vollständige und faire Regulierung" wartet, spielt ihr genau in diese Strategie. Ihr gebt den Konzernen den Vorsprung, den sie brauchen, um den Markt zu besetzen. Bis Regeln kommen, können deren Verträge bereits die einzige praktikable Option sein. Dieses Spiel solltet ihr nicht wieder mitspielen — macht euch möglichst unabhängig.

Stillstand ist auch keine gute Idee

Enterprise‑Verträge von Microsoft, Google & Co. sind für NGO‑Budgets oft teuer und unnötig. Die Vergangenheit zeigt, wie schnell Vendor‑Lock‑in entsteht: Kontrolle geht verloren, Abhängigkeit von teuren Plattformen wächst.

Warten auf die „perfekte" KI‑Landschaft ist eine Falle. Die Technologie entwickelt sich jetzt weiter — mit oder ohne euch [4]. Dario Amodei beschreibt diese Phase als „turbulent, aber unvermeidbar" [4]. In dieser Phase wird die Richtung entschieden. Wer jetzt nicht handelt, verpasst eine große Chance zur Selbstermächtigung.

Es geht nicht darum, blind jedem Hype zu folgen. Es geht darum, pragmatisch Chancen zu nutzen, die heute schon existieren. Die Alternative zu teuren All‑in‑One‑Plattformen sind nicht andere teure Plattformen, sondern kleine, gezielte Lösungen, die ein konkretes Problem lösen. Das ist euer Hebel.

Ihr braucht kein 50‑Seiten‑Whitepaper. Ihr braucht eine Lösung, die nächste Woche 10 Stunden spart

Ihr braucht keine umfassende KI‑Strategie‑Präsentation. Ihr braucht ein Tool, das eurem Team sofort Zeit spart — z. B. 10 Stunden Admin‑Arbeit pro Woche.

Die gute Nachricht: Genau das ist möglich. Aufgaben, für die ihr vor zwei Jahren noch Monate und ein Team gebraucht hättet, lassen sich heute in wenigen Wochen automatisieren. Beispiele: automatische Auswertung von Umfragedaten oder ein Generator, der aus Rohdaten ansehnliche Spender‑Reports und Social‑Media‑Posts erstellt. Kein KI‑PhD nötig: Daten hochladen, Content bekommen.

Der Trick: Den großen Wurf vergessen. Stattdessen den Bottleneck finden. Identifiziert einen wiederkehrenden, zeitfressenden Prozess, bei dem das ganze Team stöhnt. Für genau diesen Punkt findet ihr eine schlanke, kostengünstige Automatisierung. Das ist echte Transformation.

So startet ihr in den nächsten 90 Tagen (und das ganz ohne Hype)

Vergesst die Jahresplanung. Konzentriert euch auf die nächsten 90 Tage — das reicht.

  • Schritt eins: Die eine Stunde für die eine Sache. Nehmt euch im Team eine Stunde. Fragt: Welcher wiederkehrende Prozess frisst die meiste Zeit und macht am wenigsten Spaß? Beispiele: das mühsame Übertragen von Impact‑Daten aus Excel in Vorstands‑Präsentationen oder das stundenlange Sichten und Kategorisieren von Projekt‑Feedback.
  • Schritt zwei: Die eine Frage für die Lösung. Fragt nicht „Was kann die KI alles?", sondern: „Löst etwas dieses eine Problem für unter 5.000 Euro?" Oft reicht ein schmales, spezialisiertes Werkzeug, das eine Sache brillant macht. Die Budget‑Frage filtert den Hype sofort heraus.
  • Schritt drei: Implementation in Wochen, nicht Quartalen. Setzt auf eine Lösung, die in 3–4 Wochen läuft. Der Return on Investment muss in 2–3 Monaten sichtbar sein — in konkret gesparten Stunden, die für Projektarbeit genutzt werden können. Alles andere ist Overhead, den ihr euch nicht leisten müsst.

In 90 Tagen könnt ihr entweder einen weiteren Workshop gehabt haben — oder ein funktionierendes Tool, das euer Team täglich entlastet.

Nutzt die Adoleszenz der Technologie zu eurem Vorteil

Dario Amodei hat recht: Wir stecken in der „technologischen Adoleszenz" der KI [4]. Eine chaotische, unberechenbare Phase — aber genau hier liegt eure Chance.

Kleine, agile Lösungen haben jetzt einen klaren Vorteil: Sie müssen nicht erst durch zehn Compliance‑Reviews und Budget‑Runden. Sie können direkt am echten Nutzerproblem gebaut und angepasst werden [4]. Für NGOs ist das ideal. Bevor die großen, schwerfälligen Systeme von Microsoft & Co. zum teuren Standard werden, könnt ihr euch eine pragmatische Basis schaffen.

Diese Phase bietet die größten Möglichkeiten für diejenigen, die pragmatisch handeln. Ihr seid agil, kennt eure Probleme und könnt schnell entscheiden — Stärken, die in der trägen Welt großer Tech‑Verträge nichts zählen. Nutzt sie.

Fazit: Handeln, bevor die Realität es für euch tut

Seht die angekündigten 18 Monate als Wecker. Ihr könnt auf Snooze drücken — oder aufstehen und handeln.

Automatisierung der Büroarbeit kommt. Mustafa Suleyman hat keine Glaskugel, aber er sitzt nah an der Entwicklung [1]. Die Frage ist nicht ob, sondern wie ihr damit umgeht. Wartet ihr, bis teure Enterprise‑Verträge als einzige Lösung übrigbleiben? Oder nutzt ihr das Zeitfenster und die Agilität eurer Organisation, baut kleine, spezifische Werkzeuge, die euch heute entlasten? Solche Tools amortisieren sich oft in wenigen Monaten und geben dem Team Kapazität für die eigentliche Mission zurück. Außerdem macht das Entwickeln und Umsetzen dieser Lösungen oft sogar Spaß.

Die Adoleszenz der KI ist chaotisch [4] — aber sie ist auch die Zeit, in der die Richtung für die nächsten Jahre entschieden wird. Die Deadline läuft. Nutzt den Vorsprung.

Quellen

[1] KI wird die meisten Aufgaben von Büro‑Jobs in 18 Monaten automatisieren, laut Microsoft‑Manager. Business Insider. https://www.businessinsider.de/gruenderszene/karriere-startup/ki-wird-die-meisten-aufgaben-von-buero-jobs-in-18-monaten-automatisieren-laut-microsoft-manager/

[2] Big‑Tech‑Lobbying: Erst machen, dann lieber nicht reguliert werden. netzpolitik.org. https://netzpolitik.org/2026/big-tech-lobbying-erst-machen-dann-lieber-nicht-reguliert-werden/

[3] Big Tech's Lobbying Against EU's Digital Fairness Act to Curb Addictive Social Media Design. Corporate Europe Observatory. https://www.corporateeurope.org/en/2026/02/addicted-algorithm-0

[4] Navigating AI's Technological Adolescence: Risks and Responses. Dario Amodei. https://www.darioamodei.com/essay/the-adolescence-of-technology